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Die Fessel - Oder: Der Weg hangauf, herzüber, glückentlang, vermessen -  Teile I und II

Ein 160-Minuten-Film in zwei Teilen sehr frei nach Paul Claudels Riesendrama „Le soulier de satin“. Deutschland 2003 und 2004

Es spielen Jael Kegler (Dona Proeza), Andreas Zeusch (Don Rodrigo), Micha Harris (Don Camilo), Stefanie Erlein (Dona Musica), Krishna O`Brien (Isidro), Nora Harris (Jobarbara), Jochen Poiger (Schutzengel u.a.), Dieter Winkelmann (Don Pelacho), Matthias Lamp (Der König von Spanien) u.v.a.

Kamera und Beleuchtung: Kerstin Alms, Michael Schöfer, Buch, Schnitt & Regie: Klaus Klingenfuss

Dona Proeza - als Sechzehnjährige mit Don Pelajo, dem ersten Richters im Spanien Philipps II. verheiratet -  liebt den jungen Standesgenossen Rodrigo ohne Aussicht auf Erfüllung: Die Ehe ist im Spanien der Gegenreformation eine geheiligte Einrichtung und unauflöslich.  Proeza flieht. Aber als sie bei dem auf den Tod verwundeten Rodrigo von ihrem Mann gestellt wird, entscheidet sie sich, im Sinne ihres Glaubens als dessen Ehefrau auszuharren.

 

Im Auftrag des Königs übernimmt sie das Kommando des Forts Mogador in Marokko, während Pelajo die übrigen spanischen Festungen in Afrika gegen die Mauren hält. Das Ganze ist ein Himmelfahrtskommando nicht zuletzt, weil Proeza mit dem von ihr befehlsgemäß degradierten Camilo zusammenarbeiten muss, einem heißblütigen Aufrührer, der sich seinerseits in Proeza verliebt hat. Trotz dieser Situation versucht der  genesene Rodrigo in Übereinstimmung mit dem König vergeblich, Proeza zur Rückkehr nach Spanien zu bewegen. Sie hat sich entschieden, gegen ihre („sündige“) Liebe den Geboten ihrer Religion und dem Auftrag ihres Souveräns zu folgen. - Vom König dazu aufgefordert übernimmt Rodrigo als Vizekönig die Regierung in der Neuen Welt. Jahre vergehen. Don Pelajo stirbt. Proeza wäre frei. Aber Rodrigo regiert am anderen Ende des spanischen Weltreichs, im gottverlassenen Mogador droht ein Aufstand der Besatzung und Camilo bedrängt Proeza rücksichtslos. In ihrer Not schickt sie einen Brief an Rodrigo. Keine Antwort!... Dem königlichen Auftrag verpflichtet willigt sie schließlich in die Ehe mit Camilo, um das Ärgste zu verhindern. An  ihrer Liebe zu Rodrigo ändert das alles nichts – im Gegenteil: Als ihr in höchster Not geschriebener Brief nach zehn Jahren doch noch sein Ziel erreicht und Rodrigo mit der gesamten Kriegsflotte ohne Einwilligung des Königs nach Mogador segelt, um sie zu befreien, hat Proeza längst verstanden, dass ihre und Rodrigos Liebe so grenzenlos geworden ist, dass sie in dieser Welt nicht erfüllt werden kann...

Unser Film erzählt die Geschichte einer radikalen, das irdische Dasein transzendierenden Liebe. In der mystisch/theologisch/philosophischen Tradition seit Augustinus war diese Liebe einer der beiden möglichen Wege, Gott (und zwar erlebend) näher zu kommen. Der andere war die geistige Versenkung. Alle Hochreligionen kennen beide menschlichen Möglichkeiten, die irdische Beschränktheit zu überschreiten. Claudels Riesendrama greift sie mitten im westlich-agnostischen 20. Jahrhundert wieder auf und nimmt sie so ernst, wie sie ein Augustinus, eine Hildegard von Bingen, ein Thomas von Aquin genommen haben. Wir versuchen, ein wenig auf ihren Spuren zu wandeln – neugierig wie Kinder, die einem längst verschollenen Schatz auf der Spur sind...

 

Bemerkungen vor Drehbeginn

Die beiden Filmteile  umfassen die "vier Tage" des Claudelschen Riesendramas Le soulier de satin. (Unser erster Filmteil konzentrierte sich ausschließlich auf den "Ersten Tag"). Das bedeutet selbstverständlich gewaltige Kürzungen. Aus dem "Vierten Tag" habe ich z.B. nur die Schlussszene übernommen. Freilich klingt auch das schwieriger, als es war. Umfangreiche philosophische, "theologische", vor allem aber lyrische Passagen müssen im Fall einer Inszenierung ebenso gestrichen werden, wie (in unserem Fall) ganze Szenen aus Seitenhandlungen, die - vorwiegend, nicht ausschließlich - Don Rodrigos Karriere in der Neuen Welt betreffen.

Der "Vierte Tag" umfasst bei Claudel zwei Bereiche: das endliche Schicksal Don Rodrigos (nach seiner durch keinen königlichen Befehl gedeckten Expedition mit der spanischen Flotte nach Mogadór),  samt dem Schicksal "seiner" und der Tochter Proezas, Maria Siebenschwert und /  eine großräumige Satire auf die "Weltmachtrolle" Spaniens z.Zt. Philipps II. Letztere trägt ausgesprochen märchenhafte Züge, kann auf der Bühne kühne inszenatorische und ausstattungsmäßige Experimente provozieren, betont aber im Rahmen des Gesamtdramas vor allem noch einmal dessen phantasmagorischen Charakter. Natürlich gehört das Spielerisch-Phantastische am "Seidenen Schuh", seine Weltsüchtigkeit (samt der ihm zugeordneten höchst modernen Poetik) zu den grandiosen Zügen des Stücks, die im "Vierten Tag" noch einmal akzentuiert werden. In unseren beiden Filmteilen wird dieser Aspekt des Riesendramas allenfalls ahnungsweise fassbar. Beide Filmteile konzentrieren sich auf die aus heutiger Sicht "höchst merkwürdige"   Liebes- geschichte Proezas und Rodrigos, die der Film verstanden wissen will als "des Merkens unbedingt würdig". Dem Zuschauer wird auffallen, dass unser Liebespaar sich im Film (wie im Stück) überhaupt nur zweimal begegnet (Drehbuch S.68-69 und S.87-93), wobei es sich wiederum nur beim ersten Mal  (Einstellungen 470 bis 475) um eine Liebesbegegnung handelt, wie man sie gemeinhin versteht. Und dennoch handelt es um eine Liebe, die nicht nur von Anfang an Ewigkeitscharakter trägt, sondern ein Abglanz der dem Menschen vorbehaltenen "ewigen Seligkeit" im Diesseits bildet, wobei es die Frau ist, die (nach gut klassischem Vorbild ("Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan" - "Faust II", Schlussvers) den Mann mit sich in besagte Sphäre nimmt. Ein Sarkast - wie Heine - hat sich über diese metaphysische Möglichkeit der Liebe lustig gemacht ("Das alte Eiapopeia vom Himmel"). Der gleiche Heine thematisiert und gestaltet freilich - wie ein großer Teil der abendländischen Literatur überhaupt -  genau   d e n  Stellenwert der Liebe. Auf diese Liebe ist unser Film konzentriert.

Wer mehr über ihre Rolle in unserer Kultur wissen will, liest Denis de Rougemonts 400-Seiten-Analyse "Die Liebe und das Abendland" (Kiepenheuer & Witsch, Köln 1966 ff., z.Zt. nicht im Buchhandel). Ich zitiere aus dieser großangelegten Untersuchung: (Es gibt aber ein anderes Erlebnis,) "das nicht ohne irgendeine Gottheit erzeugt ist, und das sich nicht aus unserer eigenen Kraft in der Seele bildet: es ist das eine ganze fremde Inspiration, ein Reiz, der von außen her wirkt, ein Aufwallen, ein unbestimmtes Entschwinden der Vernunft und des natürlichen Empfindens. Man bezeichnet es als Enthusiasmus, was eigentlich 'in Gott sein' bedeutet, denn dieser Wahnsinn kommt von der Gottheit und trägt unseren inneren Schwung vor Gott.                                                                 

 

Das ist die platonische Liebe ein göttlicher Wahnsinn, eine Aufwallung der Seele, Torheit und höchste Vernunft. Und der Liebende ist bei dem geliebten Wesen "wie im Himmel"; denn die Liebe ist der Weg, der über Stufen der Ekstase zu dem einigen Ursprung all dessen, was ist, führt, weit vom Körperlichen und von der Materie, weit von allem, was teilt und unterscheidet, jenseits des Übels, ich zu sein und zwei zu sein in der Liebe selbst. - Eros ist das totale Begehren, das lichte Sehnen, der ursprüngliche, religiöse Schwung, der zu seiner höchsten Machtentfaltung gekommen ist, zum äußersten Verlangen nach Reinheit, welches das äußerste Verlangen nach Einheit ist. Aber die letzte Einheit ist die Verneinung des gegenwärtigen Seins in seiner leidenden Vielfältigkeit. So mündet der höchste Schwung des Begehrens in ein Nichtbegehren. Die Dialektik des Eros bringt etwas in unser Leben, das den Rhythmen des sexuellen Reizes völlig fremd ist: ein Begehren, das nicht mehr zurücksinkt, das nichts mehr befriedigen kann, ja das zurückstößt und das die Versuchung flieht, sich in unserer Welt zu erfüllen, weil es nur das "Ganze" umfassen will. Es ist die unendliche Überschreitung, das Aufsteigen des Menschen zu seinem Gott. Und diese Bewegung ist ohne Rückkehr." (S. 69f.)

Nun wird man bei  Besichtigung des zweiten Filmteils bemerken, dass Proeza bis zu ihrem Tod  die irdische Verbindung mit Rodrigo ersehnt. Noch in der Schlussbegegnung sagt sie "Nur ein Wort, und ich bleibe." Was sie im großen Gespräch mit ihrem Schutzengel bereits begriffen hat (vgl. Einst. 512 / S. 76), dass sie der "Köder" ist (und schöner: "der Stern"), der Rodrigo nachzieht in die ewige Einheit, das ändert nichts an dieser irdisch erlebten  Sehnsucht. Und um beide - zwei Ausprägungen  e i n e r  Realität -  geht es Claudel, geht`s in der Folge mir. So ist "Der seidene Schuh", (ist "Die Fessel") ganz Diesseits, ganz in der Welt, ganz beispielhaftes Ereignis in dieser Welt und gleichzeitig die Schilderung eines der beiden möglichen Wege über sie hinaus.                           kl