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Leben auf Probe

Spielfilm frei nach Max Frischs Komödie "Biographie"

Deutschland 1998  Darsteller: Jael Kegler (als Antoinette)  Wolfram Ehrenfried (als Hannes) Bernd Reindl (als Spielleiter)  Nicole Schmidt und Nils Stock (als Assistenten des Spielleiters)

Kamera: Michael Schöfer und Stephan Pfützner MAZ-Technik: Günther Pietsch  Buch, Montage und Regie: Klaus Klingenfuss

Eine Produktion der a.u.f. - arbeitsgemeinschaft unabhängiger filmemacher in Zusammenarbeit mit dem AVZ - Audiovisuellen Zentrum der Pädagogischen Hochschule, Heidelberg  Laufzeit 118 Minuten

Hier können Sie den Trailer downloaden.

Hannes feiert seine Promotion! Und begegnet bei dieser Gelegenheit der jungen Elsässerin Antoinette! Er verliebt sich in sie, die beiden heiraten, scheinen eine glückliche Ehe zu führen, bis Hannes feststellt, dass Antoinette einen Freund hat. Er ist rasend, stellt sie (vergeblich) zur  Rede, hält seine Beziehung für gescheitert - da wird ihm die märchenhafte Chance zuteil, an jeden von ihm gewünschten Punkt seines Lebens zurückkehren zu können, um von ihm aus (und in Kenntnis alles bisher Erlebten) neu (und besser?) zu beginnen.

Hannes ist überzeugt, die Beziehung zu Antoinette habe seinem Leben die falsche Richtung gegeben. Er kehrt vor die Begegnung mit ihr zurück, versucht mehrfach einen anderen Weg zu gehen, und muß feststellen, daß er immer wieder bei Antoinette landet.

Was im Film wie Unfähigkeit daherkommt - Hannes` Unfähigkeit, einen anderen, wenn möglich besseren Weg einzuschlagen, erweist sich für den, der Augen hat zu sehen (und ein Herz zu fühlen) als die - im Jargon der Gegenwart erzählte - uralte Geschichte von der Radikalität der Liebe: In sie gebannt und auf die/den Geliebte(n) fixiert ist, wer liebt. Keine Spur von Freiheit! Und purer Unsinn ist die Behauptung des Spielleiters, "Sie haben die Wahl".

Bezeichnenderweise ist es Antoinette, die - ihrerseits am Schluss wählend - im Unterschied zu Hannes tatsächlich einen anderen Weg einschlägt und damit diesen angeblich in eine neue Zukunft "befreit". Was im Film als Schwäche Kürmanns (und "Stärke" Antoinettes) erscheint, hat mit dem Grad der Stärke der Partner so gut wie nichts, dagegen sehr viel mit dem Grad der Gebundenheit an den jeweils anderen zu tun.

 

Antoinette ist der Partner, der weniger liebt. Auch das ist, wie sich von selbst versteht, eine sehr alte Geschichte. Dass sie in diesem Film bis zur Unkenntlichkeit verstellt daherkommt, hat mit der demnächst total gewordenen westlichen Ahnungslosigkeit in Sachen Liebe zu tun. Selbstverständlich ist (ursprünglich der Dichter Max Frisch, ist) der Autor des Films nicht annähernd so ahnungslos wie Hannes Kürmann, erst recht nicht wie der Spielleiter in dieser "Komödie". Beide machen vielmehr modernes Umgehen mit "Liebe" zur Spielfigur und demonstrieren auf diese Weise den unsterblichen "amour fou", indem sie ihre Figuren im Spiel so tun lassen, als gäbe es den nicht.Hannes Kürmann ist am Schluss nicht frei. Er ist verlassen. Und er wird, ob er will oder nicht, die Qualen des verlassenen Liebenden durchleiden, die von Gottfried von Straßburg bis Gottfried Keller und von Shakespeare bis Claudel, thematisiert worden sind, wo sie in diesem Film (und der Komödie des Schweizer Autors) als inexistent vorausgesetzt desto sicherer ihr (Un)Wesen treiben.

Genau diese Anwesenheit der alten Realität in einer Gegenwart, die nichts mehr von ihr wissen will und es (neurotisierend) ständig mit ihr zu tun kriegt, hat Klaus Klingenfuss` Interesse für Max Frischs zweitletztes Bühnenstück geweckt. Kommt man von Frischs Werkgeschichte her , dann neigt man dazu, in seiner Komödie "Biographie" ein komödiantisches Seitenstück zum gleichzeitigen Roman "Mein Name sei Gantenbein" und also das Spiel mit der Identität im Mittelpunkt zu sehen. Zweifellos bemüht sich Hannes Kürmann um eine Alternative zu seiner von ihm als Irrtum erlebten ersten Biographie. Dabei geht es ihm aber nicht um das spielerische Ausprobieren von unterschiedlichen Identitäten (wie dem Protagonisten im Roman). Es geht ihm vielmehr um die Korrektur einer leidend erlebten vita, damit er dem Leiden entgehe. Dieser Versuch der Korrektur ist zeittypisch! Er beruht auf dem kardinalen Irrtum, einem zufallsunterworfenen Lebensgang zuzuschreiben, was - Zufall hin, Notwendigkeit her - für diesen Menschen zur schicksalhaften Begegnung geworden ist. Am Lebensgang herumzudoktern, um dem Leiden zu entkommen,  am Zufälligen korrigieren, wo es um das für diesen Menschen Unumgehbare geht, die Bewältigung des Leids, indem er es durchsteht, ist Teil der schlimmen Banalisierung des Daseins im Zeichen der Reduktion des Menschen auf seinen Stellenwert als "Produzent" und "Konsument". Als ob das alles wäre! Unsere Zeit wähnt`s. Und ihre Menschen ruinieren in diesem Wahn sich selbst und ihre Welt. kl.