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Annäherung an Margarete

Deutschland 1995  Darsteller: Judith Gabriel (als Margarete),  Tobias Sorge (als Heinrich Faust), Andreas Hug (als Mephistopheles),  Nicole Schmidt (als Frau Marthe),  Andrea Schramm (als Lieschen) u.a.

Kamera: Michael Schöfer, Jens Geelhaar und Klaus Klingenfuss,  Montage: Barbara und Klaus Klingenfuss,  Ton: Manfred Ballmann,  Script: Gerd Fischer,  Musik: Gustav Mahler, Buch und Regie: Klaus Klingenfuss

Hier können Sie den Trailer downloaden.

Was soll uns heute klassische Literatur?

Der Spielfilm "Annäherung an Margarete" verdankt der (Schüler)Frage seine Entstehung, wie man  a n d e r s, (soll heißen:   produktiv,  dem Lebensgefühl der eigenen Generation nah,  mit dem Blick auf das, was unverändert gültig ist und damit  für junge Menschen interessant) mit klassisch gewordenen Werken unserer Nationalliteratur umgehen könne. Die Gruppe um Klaus Klingenfuss ging dieser Frage nach und  wählte als Paradigma Goethes "Faust I".

Aus der erprobenden Lektüre und Gesprächen zur Frage ging das Filmscript hervor, in dem junge Menschen wissen wollen, was diesen Johann Wolfgang Goethe z.B. bewegt haben mag, in seine Faustdichtung eine eigene Tragödie um Fausts Liebe zu dem einfachen Bürgermädchen Margarete einzuarbeiten. Die "Gretchentragödie" bildet - das nebenbei - den formal geschlossensten und ihrem Inhalt nach erregendsten Teil des Goethewerks.

Film  "auf drei Ebenen"!

Der Film wurde  d r e i g l i e d r i g  konzipiert. Auf der ersten,  der  Gegenwarts"ebene" nähern sich junge Leute, Mitglieder in einem Amateurtheaterteam auf Initiative ihres jungen Regisseurs hin dem Goethestück. Zum Teil sind sie reichlich skeptisch. Andreas - der spätere Darsteller des Mephistopheles - will dem Projekt geradezu den Rücken kehren:  "Die Gretelstory? Ein Happen aus der literarischen Tiefkühltruhe!... Ohne mich!" Die Gegenwartsebene ist im Film allgegenwärtig. Auf ihr reagieren die Teammitglieder ständig auf das, was im Stück geschieht. Sie beziehen Stellung. Einige identifizieren sich in wachsendem Maße mit bestimmten Personen oder Episoden, ja es entwickelt sich eine parallele Liebesgeschichte (zwischen dem Regisseur und Faustdarsteller und seiner Hauptdarstellerin). Sie läßt andeutungsweise sichtbar werden, wie nah uns jene alte Geschichte geblieben ist. - Auf der zweiten,  der historischen Ebene begegnen wir dem wichtigsten (freilich keineswegs einzigen) "Anlaß" für die Margaretentragödie, dem Schicksal der Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margareta Brandt. Er ist uns im Bericht von Goethes Vater erhalten. Es fällt auf, dass in diesem Aufsatz genau das thematisiert wird, was den Dichter Goethe nicht interessierte (Verhaftung / Prozess / öffentliche Hinrichtung). In Goethes Tragödie begegnen wir dagegen der inneren Geschichte (der Entstehung dieser Liebe / Fausts Versuch, sich aus Verantwortungsgefühl zurückzuziehen / den seelischen Konsequenzen von Fausts Entfernung für Margarete / schließlich ihrer inneren Situation während der Schwangerschaft und in der Nacht vor ihrer Hinrichtung). Die zweite "Ebene" wird in einer Reihe "lebender Bilder" expressiven Charakters vorgestellt. Sie illustrieren eine Lesung des Regisseurs, durch die er die Team-Mitglieder mit dem historischen Hintergrund von Goethes Dichtung vertraut macht. Auf der  dritten Ebene ereignet sich schließlich - dargestellt von den Team-Mitgliedern - das von Goethe gestaltete Schicksal der Margarete selbst. Aufgenommen wurde dieser Teil im Raum Heidelberg. Es versteht sich, dass keine Bühneninszenierung abgefilmt werden sollte. Vielmehr wurde versucht, Fausts und Margaretes Geschichte mit (behutsam gebrauchten) filmischen Mitteln in einem Ambiente zu erzählen, das dem von Goethe gemeinten so weit wie möglich angenähert ist.

Zur Rolle der Musik

Als Musik zum Film wählte Klingenfuss Passagen aus den ersten vier (den "Wunderhorn"-) Symphonien Gustav Mahlers. Sie antworten auf atemberaubend moderne Weise (reflektierend / stilisierend) auf das Lebensgefühl des jungen Goethe und dessen Verständnis des Spätmittelalters). Nur einmal, am Filmschluss wird der Hymnus an die Freude und die Brüderlichkeit aus Beethovens Neunter Symphonie zitiert. Dieser Hymnus hat offenbar (auch) heute keine große Chance, zum Lebensgefühl einer Menschheit zu werden, deren Weg immer entschiedener in Egoismus, Vereinzelung und in den zugehörigen (ein schlechtes Gewissen übertäubenden) Lärm abirrt . Konsequent wird Beethovens Musik im Film alsbald vom Autobahnlärm überdröhnt. Wir ahnen, dass die vorausgegangene "alte" Geschichte nicht nur Züge unserer eigenen enthält, sondern von allzuvielen unter uns übertäubt und verdrängt wird, nur um desto sicherer in diesem unserem Leben aufzutauchen - neurotisierend nun, da nicht mehr verstanden...

Beschränkung hat nichts mit Beschränktheit zu tun

Das Amateur-Theaterteam im Film widmet sich ausschließlich dem zweiten Teil des ersten "Faust", der Liebesgeschichte zwischen Margarete und Heinrich Faust. Nicht erst damit wird belegt, dass die Margaretentragödie ein eigenständiges Werk ist, das nach wenigen Kürzungen für sich allein bestehen kann. Dieser Teil des "Faust 1" ist in kürzester Zeit niedergeschrieben worden. Er bildet Goethes  Reaktion auf den ihn zutiefst aufwühlenden Brandt-Prozess und darüber hinaus eine seiner Auseinandersetzungen mit der von ihm empfundenen Schuld gegenüber Frauen, in denen er Hoffnungen geweckt hatte, die er nicht erfüllen konnte und wollte. Charakteristischerweise hat der jugendliche Faust dieses Teils viel mit seinem ebenso jugendlichen Autor, so gut wie nichts freilich mit dem Wissenschaftler, Magier und Teufelsbündler Faust im umgebenden Teil der Tragödie zu tun.

 

Zwei weitere Gründe gaben für die Beschränkung auf die "Gretchentragödie" den Ausschlag:  Goethes Dichtung und der Bericht über den Brandt-Prozess erscheinen als zwei Betrachtungsweisen  e i n e s   Geschehens. Für den, der die Sensibilität hat, dergleichen zu sehen (und zu empfinden), wird schlagartig fassbar, worin die Begnadung des emotional Erzogenen besteht und andererseits das schlimme Defizit der großen Mehrheit von uns Zeitgenossen. Diese Mehrheit hält sich ans Oberflächlich-Sensationelle,  weil  es ihr nicht  möglich ist,   wie der Sensible  d e m  gerecht zu werden, was tatsächlich in einem anderen Menschen vorgeht.  Die Beschränkung auf die "Gretchentragödie" nimmt dem Mephistopheles seine metaphysische Dimension. Die Streichungen der "Walpurgisnacht" und einiger Sätze in der Szene "Wald und Höhle" genügen, um aus Fausts  teuflischem Wettpartner den zweifelhaften Freund zu machen, der für den anderen den Kuppler spielt, um ihn desto sicherer für sich allein zu haben: Mephistopheles veranlasst Faust zu einem Verhalten, das für die Liebenden katastrophale Folgen haben muß. Schon seit knapp hundert Jahren ist die Gestalt den Mephistopheles mit homoerotischen Zügen ausgestattet worden. In der vorliegenden Konzeption macht diese Andeutung Sinn: Faust will Margarete. Mephistopheles aber will Faust. Indem er ihm zu helfen vorgibt, sorgt er dafür, dass die unwillkommene "Konkurrentin" ausgeschaltet wird. Diese "entmythologisierte" Margaretentragödie wirkt zeitlos gültig.

"So herrlich wie am ersten Tag"

Womit ein Stichwort gefallen ist. Goethes Dichtung ist nicht nur ihrer faszinierenden (Vers)Gestalt halber, und dann ihrer unfasslichen Einfühlungsgabe wegen aufregend lebendig geblieben; sie gestaltet auch wichtige Züge im Verhältnis der Geschlechter auf ungebrochen gültige Weise - z.B. in der Selbstverständlichkeit, mit der Heinrich Faust seinen erotischen Wünschen zuliebe die wichtigen Bedenken Margaretes übergeht (Szene "Religionsgespäch"), überhaupt in der Dürftigkeit der (erotisch dominierten) Liebe Fausts im Verhältnis zur existentiellen Bindung Margaretes, die buchstäblich alles auf diese "Karte" Heinrich Faust setzt, von der sie doch ahnt, dass sie "gezinkt" ist. Dergleichen gehört zu dem vielen, das so aktuell ist wie am Tag, als der junge Goethe zur Feder griff.

Die Rahmen- und Zwischenszenen im Film erfüllen drei Funktionen:

- Sie bilden den Ort der Auseinandersetzung mit der Frage, wie aktuell Goethes Stück für uns Leute auf der Schwelle ins 21. Jahrhundert (geblieben) ist.  

- In ihnen reagieren die 17 bis 21 Jahre alten Teammitglieder  in (zum Drama passender) jugendnah stilisierter Sprache auf das Verhalten der Personen. Sie nähern sich ihnen an oder distanzieren sich von ihnen, machen sich Gedanken über  deren Motivation und lernen so, Goethes Stück (aus eigener Perspektive) allmählich besser zu verstehen.

  - Zwischen den Darstellern von Regisseur/Faust und Margarete gibt es eine (zur Liebe zwischen Faust und Margarete parallel gesetzte) Ferienliebe, die ebenso (freilich aus banalerem Grund) scheitert wie Heinrich Fausts Liebe zu dem Bürgermädchen Gretchen. Im Rahmen geht es dem Faustdarsteller allein ums erotische Ferienerlebnis. Ausgerechnet er ist aber (als Regisseur) der Initiator des Vorhabens, das (wie man dem Gespräch des Faust- und des Mephistopheles- darstellers beim Wein entnehmen kann) dem Nachweis der ungebrochenen Aktualität der Liebestragödie dienen soll. Von ihm stammt die Idee, "hier etwas zu beobachten, etwas zu lernen". Gemeint sind die schlimmen Folgen, die sich ergeben, wenn  "in einer Welt wie dieser" ein Mensch einem anderen gegenüber "auf alle Formen von Schutz verzichtet", also ihm "ganz  zu vertrauen" bereit ist (Szene Valentin- : Mephistopheles-Darsteller vor dem Religionsgespräch). Die Darstellerin der Margarete glaubt (im Eingangsgespräch), dass allein bedingungsloses Vertrauen der Margarete die Liebe des klassischen Paares hätte retten können. Viel später, nämlich nach dem "Religionsgespräch", erklärt sie, worin - ihrer Meinung nach - dieses "Versagen" der Margarete bestanden hat. Sie habe ihren Heinrich nicht aus "bedingungslosem Vertrauen" zur gemeinsamen Nacht empfangen sondern aus "übermächtiger Sehnsucht". Und sie ergänzt: "wie kannst du einem vertrauen, den du durchschaust?" Diese Bemerkung weist auf ihre augenblickliche Lage ebenso hin wie auf das "Religionsgespräch" zurück, das überdeutlich werden lässt, dass Margarete um das Fragwürdige an Fausts Haltung weiß. Damals wie heute - so ist sie überzeugt - gilt in der Liebe der traurig und verbittert gesprochene Satz des Valentindarstellers: "Weh dem, der keine Waffen zum Schutz in der Reserve behält!" Die Schlussszene deutet die gleiche inzwischen von den meisten Projektteilnehmern gemachte, dem Versagen des Projektinitiators ebenso wie Goethes Dichtung zu verdankende Erfahrung an, wenn die Darstellerin des Lieschen und der Darsteller des Mephistopheles resigniert davon überzeugt sind, dass es nach wie vor kaum eine Chance für "Old-Beethovens" (im Autoradio laufende) Hymne auf die Freundschaft aller Menschen gebe.Wenn Beethovens Schlusssatz aus der             9. Symphonie in der Folge im Autobahnlärm untergeht, kann das ebenso als symbolische Andeutung eines Rückfalls noch hinter Fausts Versagen in der Liebe verstanden werden, wie der traurige Blick der Margaretendarstellerin auf das (eingangs des Films gefundene und damals freudig mitgenommene) Fossil zum Bildsymbol werden kann: Das Mädchen schließt seine Hand um das Fossil. Es ist Teil seines Daseins geworden wie die zurückgewiesene Liebe - aber eben versteinerter Teil... -   kl.